Kaffee & Konfetti
#9 Hochsensibel im Café
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Vergessen werden im Café? Das gibt es für Marie eigentlich nicht. Und für Holger ist Small Talk mehr eine Grenzerfahrung als alles andere. Was Erdbeerschnitte und Espresso, eine vom Zufall ausgewählte Stadt in der Uckermark mit Hochsensibilität zu tun haben und warum Holger für einen Restaurantkritiker gehalten wird, erfährst du in Folge 9. P.S. Coverbild dieser Podcastfolge wurde im Klostercafé in Prenzlau gemacht.

UND WAS MACHT DICH GLÜCKLICH IM CAFÉ?

Sensibilisiere deine Achtsamkeit. Dafür beschreiben wir dir ausführlich, was Marie, was Holger im Café glücklich macht. Du wirst beim Lesen bereits aus dem Bauch heraus wahrnehmen, ob du eher der introvertiert hochsensiblen Sicht von Holger oder der Extrovertierten von Marie folgst. Wenn du dich in beiden Wahrnehmungen findest, ist eins gut zu wissen. Wir haben immer beide Seiten in uns. Eine ist jedoch ein wenig mehr ausgeprägt. 

MARIES GLÜCK – extrovertiert

Meine Eltern fuhren nach der Wende gerne dorthin, wo sie eigentlich, wäre die DDR nicht zusammengebrochen, nie hätten sein dürfen. In den Süden Europas. 
Einen Sommer lang war Griechenland der wahr gewordene Sehnsuchtsort. Kreta, um genau zu sein. Ich war sieben oder acht Jahre und liebte die Feiern, die uns jeden Abend mit den Einheimischen erwarteten. Kinder gehörten einfach zum fröhlichen Trubel und Erscheinungsbild dazu, egal welche Uhrzeit. Familien saßen zusammen, die Kleinsten auf dem Schoß, die Größeren rannten lautstark durch die Straßen der Fischerstadt Chania oder waren am Strand und sammelten Muscheln. Begegnung zwischen Erwachsenen und Kindern waren herzig. Kleine Neckereien der Großen traf auf freche Kommentare der Halbstarken. Bis heute ist dieses Glücksgefühl von damals ein Bestandteil meines extrovertiert hochsensiblen Erlebens im öffentlichen Raum wie einem Café oder Restaurant. Eine zufällige, lockere Begegnung, die sich durch Worte und Gespräch beim Small Talk vertieft, um einen gemeinsamen Wohlfühlmoment (Resonanz) erzeugt, ist Alltagsglück, täglich dann vorhanden wenn ich es möchte.
Wohlfühlort
Jeder Ort hat seine ganz spezielle Energie. Eine Jahrzehnte lang existierende Eckkneipe ist etwas anderes als ein McSchnellimbiss. Damit unterscheidet sich das Publikum. Für eine offene Begegnung braucht es einen Raum, der nicht heilig ist, also wo man am Ende zu Zweit in einem Café sitzt und sich gegenseitig beobachtet. Aber auch keinen Raum, der kompletten Durchgangsstation. Kommen, reinhauen, gehen. Ein Raum, der Kultur aufweist, gewachsen durch Geschichte oder durch eine starke Handschrift des Besitzers, der oder die (divers) einen Sinn fürs Schöne oder Besondere hat, das gerne geteilt wird. So ein Ort kann für den extrovertiert Hochsensiblen Verlockung sein.
Small Talk
Small Talk ist eine Redekunst, die manch Hochsensiblen Schweißausbrüche ins Gesicht zaubert. Andere finden Small Talk sogar banal. Dem ist jedoch nicht so. Ganz im Gegenteil. Small Talk beginnt bei einem alltäglichen Nenner wie z.B. das Wetter. Also eine fast simple Wahrnehmung, die miteinander geteilt wird. Während Eindrücke locker, scheinbar bedeutungslos ausgetauscht werden, tasten wir nonverbal und das meist unbewußt unser Gegenüber ab. Wir begegnen einander ganz ungefährlich und kriegen mit, ob wir den Anderen überhaupt “riechen” können, vielleicht sogar mögen oder nicht. Die Begegnung schafft Verbindung auf eine sehr einfache, spielerische und überhaupt nicht banalen Art und Weise. Denn aus dem Small Talk kann Wissensaustausch z.B. über die spezielle Geschichte des Ortes entstehen, oder man lacht zusammen oder erfährt wie bewegend und fragil zugleich eine Lebensgeschichte sein kann. All das schafft der Small Talk und ist damit weit unterschätzt. Übrigens ein beliebtes Übungsfeld für den extrovertierten Hochsensiblen und sein Glückserleben.
Resonanz
Stimmt der Ort der Begegnung, hat die feine Redekunst des Small Talks zu einer tieferen Ebene des Wissenserwerbs oder des empathischen Zuhörens einer besonderen Lebensgeschichte geführt, kann Resonanz entstehen. Also ein gemeinsames Schwingen miteinander, das dem extrovertiert Hochsensiblen erzählt: Wir hatten einen Berührungspunkt, haben Zeit und Ort geteilt, uns angenähert, zwanglos und ohne viel Trubel und Aufwand wieder verabschiedet. Glücklich einen einzigartigen gemeinsam Moment zusammen kreiert zu haben.

Wenn du auf das rosa Kreuz klickst, erfährst du mehr über die einzelnen Glücksprinzipien.

HOLGERS GLÜCK – introvertiert

Im Kindergarten war ich häufig das letzte Kind, das an der großen Tafel im Essensraum saß. Die Ruhe gab mir den notwendigen Schutz. Weiter waren alle Töpfe abgeräumt. Es blieb ein riesiger Tisch, darauf mein Teller mit Nudeln, das Dessert, ein Glas Wasser. Diese klare bis minimalistische Anordnung reichte mir vollends aus, um ins Träumen zu kommen. Damals wie heute sind das wertvolle Glücksmomente für mich introvertiert Hochsensiblen.
Wohlfühlort
Räumlicher Schutz, gerade im von Zufälligkeit geprägtem öffentlichen Raum ist ein wichtiger Faktor für introvertiert hochsensible Menschen. Denn sie benötigen für ihr Wohlbefinden ein hohes Maß an innerer Sicherheit. Sitzen in einer Nische mit begrenztem Sichtfeld oder eine sichere Wand im Rücken können hier schon sehr hilfreich sein.
Minimalismus
Nicht unter tausenden von Möglichkeiten auszuwählen oder entscheiden zu müssen, erleben viele introvertiert Hochsensible als entlastend und angenehm. So können sie ihrem natürlichen Hang zur Vertiefung ins Detail nachgehen. Z.B. im Geschmackserlebnis von 40ml intensivem Espresso. Kurz und heiß trinken und lange nachspüren. Das ist sinnliches Fest und reicht für eine ganze Weile.
Träumen
Träumen oder auch Tagträumen, also nichts weiter als die eigenen Gedanken oder eine Fiktion zu verfolgen und die Realität für einen Moment zu vergessen, erleben viele Introvertierte als großes Glück. Voraussetzung dafür im öffentlichen Raum ist häufig ein geschützter Ort, um die Konzentration auf wenige Impulse zu lenken. In einer ruhigen Nische mit einem Espresso sitzen und dennoch öffentlich sein, kann ein entspanntes Glückserlebnis werden.

Wenn du auf das orangene Kreuz klickst, erfährst du mehr über die einzelnen Glücksprinzipien.

Erdbeerschnitte im Restaurant Schwan in Prenzlau

Was macht dich nun glücklich im Café? Welcher Wohlfühlort ist der Richtige? Bevorzugst du einen reizarmen Ort, Minimalismus, um zu entspannen und um zu träumen? Oder doch einen belebteren Ort der Begegenung, wo Small Talk möglich ist? Beides? Da du hochsensibel bist, können schon kleine gedankliche Impulse oder Fragen ein ganzes Universum in dir auslösen und den feinen Unterschied in der Wahrnehmung eines Cafébesuches machen. Probier es doch einfach mal aus:
Der Spaß an der Sache ist, dass du erkennst:
  • neige ich eher zur introvertierten oder extrovertierten Hochsensibilität
  • deine Wahrnehmung zu beobachten und nicht gleich (ab) zu bewerten
  • deine Hochsensibilität wahr und vielleicht auch ein bißchen mehr anzunehmen
  • neue Möglichkeiten deiner Wahrnehmung zu entdecken. Also eventuell das zu tun, was du eher nicht intuitiv machen würdest. Auf die andere Seite der Wahrnehmung zu gehen, so wie im Podcast Kaffee & Konfetti. Vielleicht bringt dir dies in deiner Hochsensibilität ganz neue Erkenntnisse: Entspannung für den Extrovertierten. Mut für den Introvertierten.